Es klingt durchaus logisch, dass kleine Kinder in den ersten Lebensjahren basierend auf den empfangenen emotionalen Reizen von Geborgenheit und dem intuitiven Wunsch nach Harmonie besonders zu einem Elternteil eine starke Bindung aufbauen.
Es bietet mit Sicherheit auch ein explosives Konfliktpotential, wenn für mindestens einen Elternteil die Beziehung zum Kind die Oberhand zur Beziehung zum Partner gewinnt.
In der Phase der Authentizität und Ablösung beginnt der Konflikt mit den Eltern. Durch die Entdeckung der eigenen Sexualität entwickelt sich auch die Partnerwahl. Dass das heranwachsende Kind dabei eine erste Präferenz in Zusammenhang mit positiven Eigenschaften der Eltern (wie Schönheit, Intelligenz oder Charakterstärke) entwickelt, überrascht genauso wenig wie die Ablehnung negativer Eigenschaften.
Und auch die Wiederholung von Beziehungsmustern oder entsprechenden Gegenreaktionen erscheinen nur logisch – als Teil der Programmierung, die wir durch unsere Eltern erfahren.
Doch lebenslange Prägung lässt sich nicht von heute auf morgen abschalten. Und so kann es passieren, dass man doch ungewollt der Form von Geborgenheit, die man aus Kindestagen kennt, nacheifert. Denn liegt nicht so oft im Schmerz unserer Eltern die Liebe, die sie uns schenken?
Doch genug darüber. Wie sah ich denn im Allgemeinen die Beziehung meiner Eltern?
Ich das Kind, das als ungewollter Unfall in jungen Jahren das Brautkleid meiner Mutter ausfüllte. Und meine Eltern, die sich zwischen Harmonie und Streit nicht entscheiden konnten. Zumindest vorerst, denn umso mehr Zeit verging, umso mehr stritten oder redeten sie garnicht miteinander. Dass meine Mutter dauerhaft depressiv und fordernd war während mein Vater viel arbeitete und sich eher zurückzog half der Beziehung wenig.
Seit ich denken kann wollte ich, dass sich meine Eltern trennten. Wahrscheinlich wäre es auch fast so gekommen, als meine Eltern in meiner frühen Jugend diskutierten, ob meine Mutter zurück in ihre Heimatstadt ziehen und sie eine Fernbeziehung führen sollten.
Ein bisschen schuldig fühlte ich mich damals, weil ich selbst meine Wurzeln in Ingolstadt gefunden hatte und nicht wegziehen wollte – doch meine Mutter hat sich bis heute nicht zu diesem Schritt entschieden. Und dazwischen liegen viele Jahre, eine Affaire und eine Scheidung.
Ein bisschen schuldig fühlte ich mich auch, als ich mir wünschte, mein Vater würde einfach eine Affaire haben, damit meine Eltern sich endlich scheiden lassen konnten – dass ich damit sogar richtig lag, rückte das Ganze später in ein anderes Licht.
Auch schuldig fühlte ich mich gegenüber meinem Bruder. Während ich es schaffte, mich durch meine Freundschaften immer mehr aus der Familie zurückzuziehen, musste mein Bruder immer mehr die Rolle des Seelsorgers unserer Mutter übernehmen. Ob es das Leid war, was ihn auch körperlich krank machte, kann man nur erahnen. David, ich hoffe sehr, dass du verstehst, dass ich das nicht wollte. Und auch wenn wir uns schwer tun, uns das direkt zu sagen, aber ich liebe dich.
Während ich auf meinen Vater lange Zeit wütend war, kann ich ihn heute besser verstehen. Zu meiner Mutter habe ich hingegen auf meine Entscheidung hin keinen Kontakt mehr.
Der Anfang vom Ende war, als ich in meiner Psychose neben der Liebe zu meiner Mutter auch meine Wut auf sie entdeckte. Als sie dann – ich noch völlig in den Sternen – plötzlich in der Klapsmühle auftauchte, wollte ich sie garnicht sehen. Meine Mutter hingegen wollte mir unbedingt zur Seite stehen und weil ich sie nicht verletzten wollte, lies ich es zu. Ein bisschen froh war ich damals sicherlich auch, weil ich keine Ahnung hatte wohin mein Leben nun führen sollte, und es mir zumindest eine Richtung gab, in diesen Teil meiner gewohnt verhasste Kindheit zurückzukehren.
Nicht alles an meiner Kindheit war schlecht. Ich hatte in vielerlei Hinsicht eine sehr schöne Kindheit. Dass meine Eltern in der Situation wieder gemeinsam auftraten, brachte jedoch eine Lebensphilosophie ohne Wunder und große Träume zurück von der ich mich Jahre lang weggekämpft hatte.
Als ich dann aus der Psychiatrie entlassen wurde und mir weder Sinn noch Ziel im Leben blieb, ging ich auf das Angebot meiner Mutter ein, nach Ingolstadt zurückzuziehen und wieder bei ihr zu wohnen.
Rückblickend muss ich sagen, dass mir meine Mutter eine sehr große Hilfe dabei war, wieder in der Heimat Fuß zu fassen, und mich auch sonst tatkräftig unterstützte. Doch während ich mich darauf konzentrierte, meine Probleme im Verstand selbst zu lösen, sah meine Mutter nur ihr gebrochenes Kind, das nichtmal mehr zu einem aufrechten Gang in der Lage war – und die Mutterinstinkte übernahmen.
Ich verstehe absolut, dass man als Mutter seinem Kind helfen will und es einen kaputt macht zuzusehen, wie es leidet. Und ich verstehe, dass man sich selbst dabei hilflos und vielleicht auch ein wenig schuldig fühlt. Doch jeder Kontrollzwang hilft nichts, wenn er nicht das eigene Leben betrifft.
Meine Mutter hatte schon immer die Angewohnheit, die Probleme von anderen als ihre eigenen zu empfinden. Und umso besser es mir ging, umso mehr entwickelte sich meine Rolle wieder von einer Aufgabe und einem Lebenszweck hin zum Seelsorger – wodurch ich selbst begann mich abzukapseln, weil ich immer noch dabei war, erstmal mir selbst zu helfen.
Diese Form der Ablehnung traf meine Mutter schwer und sie unternahm immer verzweifeltere Versuche, die Kontrolle zurückzugewinnen. Doch ohne Erfolg.
Es endete wie es enden musste. Nach ein paar katastrophalen Wochen fand ich eine Wohnung und startete das Comeback in mein altes neues Leben.
Die Beziehung zu meiner Mutter war noch eine Weile lang Thema in den Therapiesitzungen bei meinem Psychotherapeuthen – doch mit der Zeit und dem Abstand legte sich dieser Konflikt zunehmend.
Es ist klar, dass ich mich von der Prägung meiner Eltern sicherlich niemals ganz lösen kann – doch bin ich damit im Reinen und auch wenn ich das weder sein kann noch für sie sein möchte, so wünsche ich meiner Mutter doch von ganzem Herzen, dass sie ihr Glück findet.
