Peru

Einige Jahre später...

Ich atmete auf – das warme schwüle Tropenklima durchströmte mich mit der sanften Gewissheit, dass sich die Strapazen der Reise gelohnt hatten. Die Sonne stand hoch am Horizont und brannte auf mich herab als ich auf dem kleinen Flugplatz am Rande der Welt aus dem Flieger stieg. Knapp 30 Stunden war ich hierher unterwegs gewesen, seit ich in Ingolstadt meine Wohnungstür hinter mir abgeschlossen und den schweren Koffer und den Rucksack die Treppe aus dem zweiten Stock heruntergetragen hatte.

Bisher verlief alles nach Plan. Die Flüge waren pünktlich und der Betreiber meiner Unterkunft wartete bereits am Terminal, um mich abzuholen. Wilson war ein freundlicher Mann mit sonnengebräuntem Gesicht, der zusammen mit seiner Frau aus einer alten Lagerhalle und dem anschließenden Gebäude eine Ferienunterkunft für Touristen gemacht hatte – und das große Ziel verfolgte, bis Ende des Jahres sein Geschäft auf die Hauptstadt auszuweiten. Wie vermutlich viele in der Region hielt er sich eine Wildhündin (Lucy) als Haustier. Er gab mir meinen Zimmerschlüssel, erklärte mir den Weg zum örtlichen Einkaufszentrum, und half mir noch den richtigen Preis für ein Tuc Tuc zu verhandeln.

Iquitos war mit knapp 400‘000 Einwohnern im Ballungsraum die größte Stadt der Welt, welche nur mit dem Boot oder Flugzeug zu erreichen ist. Irgendwo inmitten des peruanischen Amazonasgebietes war sie (neben den dort bereits ansässigen Indogenen Stämmen) das Ergebnis einer spanischen Jesuiten-Siedlung aus dem 18. Jahrhundert und des Kautschukbooms des späten 19. Jahrhunderts.

Aus einer westlichen Brille betrachtet, lebten die Menschen hier in Armut. Für die Tuc Tuc Fahrt zahlte ich nur 5 Soles – das entspricht in etwa 98 Cents in Euro. Ein wenig überrascht war ich dann von der vielen Elektronik und dem Supermarkt im Einkaufszentrum. Es schien so, als wäre der Kapitalismus bereits dabei sich langsam seinen Weg in den Dschungel zu bahnen, um die Menschen ihrer Armut bewusst zu machen.

Später in meinem Hotelzimmer las ich, dass die Menschen hier tatsächlich zu großen Teilen nur vom Tourismus leben konnten – und dass die meisten online ausgeschrieben Stellen zu den Bankfilialen gehörten, die Finanzberater für Konsumkredite suchten. Das westliche Schuldenrad schien niemanden verschonen zu wollen – und wieso sollte es das auch gerade bei einem Volk, das auf wertvollen Bodenschätzen saß.

Die Welt ist wie sie ist – das wusste ich von zuhause gut genug. Statt weiter über das Wirtschaftssystem zu sinnieren, konzentrierte ich mich also (gestört von der lautstarken Rede des nebenan kandidierenden Politikers) auf den Schlaf meiner letzten Nacht, bevor mein eigentliches Abenteuer begann.

Morgens um 9:00 Uhr holte mich Tony mit seinem Tuc Tuc ab. Von da an ging es eine halbe Stunde die große Hauptstraße herunter in immer kleinere Dörfer, bis wir irgendwann nach rechts in einen kleinen Pfad abbogen, der für eine weitere halbe Stunde durch Pfützen, Schlaglöcher, Matsch, Sand und Flüsse tief in den Urwald führte.

Mein Reiseziel war eine unscheinbare Lichtung mit ein paar Holzhütten an einem der abgelegensten Punkte der Erde, welcher noch für Touristen erreichbar war. Ich wurde trotz meiner fehlenden Spanischkenntnisse freundlich begrüßt und hatte den Tag Zeit mich zu entspannen, und mich mental auf die morgige Zeremonie vorzubereiten.

Meine Holzhütte hätte ich mir nicht schöner vorstellen können – ein bequemes Bett mit einem offenen Blick auf den Dschungel. Dass Amazonas-Frösche über das Dach hineinklettern und im Schlaf auf mich herabfallen würden, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Also lag ich sonntags gemütlich in meinem Bett, genoss den Moment, atmete die frische tropische Luft tief ein, schrieb meine Intentionen für die anstehende Zeremonie nieder, und nahm mir dann mein Buch zum Lesen vor.

Ich fastete bereits seit knapp einem Monat so strikt, wie es mir in Deutschland und mit meinem Job nur möglich gewesen war. Eine große Freude war es dann für mich, als ich feststellen durfte, dass die Regeln für das Fasten im Regenwald nicht ganz so strikt gefasst waren und mich eine reichliche Auswahl auf meinem Teller erwartete.

Ich war gut vorbereitet, schlief in der Nacht wie ein Baby, und hatte nichts als positive Erwartungen an das bevorstehende Erlebnis als ich mich am ersten Montag (meiner geplant zweiwöchigen Reise) nach Anbruch der Dunkelheit von meiner Hütte aus in Richtung des Hauptplatzes begab.

Die Maloka war das Gebäude, in welchem die Schamanen ihre Ayahuasca-Zeremonien abhielten. Das von außen eher unscheinbare Gebäude errichtete sich im Inneren zu einer beeindruckenden Pyramide, die mit großer Handwerkskunst, Liebe zum Detail, und mit viel Aufwand gefertigt worden sein musste.

Neben mir gab es noch zwei Amerikaner und einen Australier, die auf den Beginn der Zeremonie warteten. Als die drei Maestros und ihre zwei Gehilfen die Maloka betraten, sich auf ihre Liegematten setzten, und die Zeremonie mit einer Rauchschale Palo Santo eröffneten, war ich mit den Abläufen nicht vertraut und darauf bedacht, dem Verhalten der einen Amerikanerin zu folgen, die im Gegensatz zu uns anderen bereits Mitte letzter Woche angereist war und sich daher auskannte.

Nach der spirituellen Reinigung setzte sich jeder von uns der Reihe nach vor die Maestros und teilte ihnen seine Intentionen mit. Danach berieten sich die Maestros und entschieden, welche Pflanze in den kommenden Tagen der persönlichen Diät als Heilmittel beigefügt werden sollte. Zum Abschluss bekam jeder ein Shotglas Ayahuasca überreicht, welches es zu trinken galt.

Während ich so dalag und auf die Wirkung der Pflanze wartete, begannen die Maestros mit ihren Gesängen. Die Icaros sind ein Ausdruck von Emotionen, der durch die Zeremonie leiten soll. Sie sind in keiner richtigen Sprache verfasst, sondern entspringen dem ganz ursprünglichen Klang einer Erfahrung, die sich nicht in Worte fassen lässt. Zu Beginn war es etwas irritierend, den durcheinander singenden Maestros zu folgen, die zudem kein westliches Taktgefühl hatten – was mir als Musiker natürlich sofort auffiel.

Langsam entwickelte sich die Wirkung des Ayahuasca und ich lernte den Icaros zu folgen. Ich wurde von meiner aufsteigenden Euphorie davongetragen, befand mich im Zentrum meiner Selbst, und empfand zum ersten Mal die allumfassende Liebe und Geborgenheit im Arm einer Jahrtausend-alten Tradition, welche tief im Urwald seit den Ursprüngen der Menschheitsgeschichte bewahrt worden ist, um das alte Wissen über Generationen hinweg weiterzugeben.

Ich fühle mich verbunden und so vollkommen wie ein ganzer Mensch. Über Stunden schwebte ich so in meinem Zustand, folgte den Icaros und dem Schauspiel der Schamanen, bis sie spät in der Nacht eine Kerze anzündeten, und sich zum Ausklang der Zeremonie miteinander unterhielten.

Schwankend auf den Beinen machte ich mich irgendwann auch auf zu meiner Hütte. Auf dem Weg hielt ich noch kurz am Haus der Maestros, um ihnen meinen Dank und meine Bewunderung auszusprechen – dann träumte ich wach von zu viel Aufregung vor mich hin bis zum nächsten Morgen.

Ich war ehrlich gesagt überrascht, beim Frühstück von den anderen Teilnehmern zu hören, dass sie ganz andere Erfahrungen als ich gemacht hatten – wirkte das Ganze doch wie ein perfekt inszeniertes und auf die von mir gemachte Erfahrung abgestimmtes Schauspiel. Ungeachtet dessen verbrachte ich den Tag damit, die letzte Nacht Revue passieren zu lassen, schrieb in mein Notizbuch, las ein wenig weiter in meinem Roman, und überlegte, wie ich mit meiner Kunst jemals so etwas großartiges erreichen könnte.

Etwas weniger ausgeschlafen als in der ersten Nacht aber weiterhin frohen Mutes, machte ich mich am Dienstag nach Sonnenuntergang erneut auf zur Maloka. Ich kam kaum aus dem Staunen heraus, als ich den wolkenlosen Sternenhimmel der zweiten Nacht erblickte. Ich war gehüllt in ein Meer aus Diamanten – wie zum Greifen nah und so wunderschön, dass ich mich fragte, ob die Schamanen wussten, wie besonders dieser für sie so gewohnte Ausblick war und wie groß ich ihren Reichtum empfand, den man nicht mit westlichen Werten messen konnte.

Wieder folgte die Einleitung der Zeremonie durch die Schamanen – doch etwas war anders. Ich spürte sofort instinktiv, dass das Ayahuasca nicht das gleiche war wie am Tag zuvor – war es eine andere Mischung oder lag es vielleicht daran, dass mein Körper noch dabei war die Dosis vom Vortag zu verarbeiten? Bildete ich mir das nur ein?

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Zeremonie zu genießen und das positive Gefühl des Vorabends weiter in mir festigen zu lassen. Doch plötzlich war es eine andere Stimme in dem Gemenge der ich folgte – eine, die eine deutlich düsterere Geschichte zu erzählen hatte…

Den Schamanen gehörte das Land, auf dem sie lebten, nicht. Zumindest nicht im westlichen Sinne, wo einem nur etwas gehört, wenn man dafür Brief und Siegel hat. Vielmehr ist es das Land, auf dem ihre Vorfahren seit langer Zeit lebten und welches sie um ihr Recht gegen die Wildnis verteidigten. Die Wildhunde, die sie sich hielten, waren kaum mit den Hunden zuhause zu vergleichen. Schlanker, muskulöser, mit großen Pfoten und langen scharfen Krallen – und unglaublich intelligent. Sie wussten wer mit ihren Herrchen kam und zu beschützen war, wenn sie tagsüber in den Wald hineinbellten oder morgens mit neuen Narben aufwachten, um sich ihr Fressen zu verdienen. Dennoch liebten sie es wie Hunde gestreichelt zu werden, auch wenn ihr Verhalten immer von einem Dominanztest begleitet wurde.

Bei meiner Ankunft war eine der Hündinnen schwanger. Bereits am darauffolgenden Tag sah ich wie sie ihre Junge bekommen hatte – und zwei davon aussortierte. Im Dschungel gelten andere Gesetze – hier gilt es zu überleben. Es war ungewohnt einen solchen Darwinismus zu beobachten – doch so ist eben die Natur in freier Wildbahn.

Ich erinnerte mich an das schreiende verstoßene und dann verendete Hundebaby und schmeckte das rauchige Fleisch vom letzten Mittagessen auf meiner Zunge. Ein zutiefst abstoßender Gedanke.

Es war eine andere Welt hier draußen. Im Internet las ich zuvor, dass man sich vor Kleinkriminalität in Acht nehmen sollte, da es selbst im Stadtzentrum von Iquitos kaum Polizei gab – geschweige denn hier draußen im Dschungel.

Fressen oder gefressen werden – das ist das Gesetz des Dschungels. Der Stärkere (oder wie Darwin sagen würde der besser Angepasste) überlebt.

Wie normal und unscheinbar doch alles bei Tageslicht wirkt. Doch hier in der Nacht vom Licht getrennt durch das blättrige Federkleid der 11-seitigen Maloka unter dem Traumfänger ihrer spinnennetzförmigen Krone, den krähenfüßigen Dachbalken, und der zu den Sternen aufsteigenden Spitze war jede Illusion verflogen.

Jeder ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich. Das wonnige doch trügerische Gefühl von Sicherheit, mit dem ich zuhause aufgewachsen war, löste sich immer mehr im stinkenden Nikotin-verseuchten Rauch des Mapacho auf, den die Maestros durchgehen in die Luft bliesen.

Der Gesang wurde immer intensiver. Ich versuchte mich gegen die Paranoia zu wehren, doch ich wehrte mich nur wie ein Schizophrener gegen ihre Gedanken. Diplomatie ist der Schlüssel zum Überleben und ein Spiel, das ich gut beherrschte. Hätte ich damals vor knapp 5 Jahren nicht bereits eine Psychose erlebt und meinen Weg zurückgefunden – ich wäre wahrscheinlich aus dem Dschungel nichtmehr (heil) herausgekommen. Es war eine lange Nacht und ein langes Warten auf den Sonnenaufgang, der zu meinem Glück so sicher kam wie die Zeit vergeht, die sich im Ayahuasca-Rausch bis in die Unendlichkeit streckte.

Erst zuhause las ich einen Artikel von Reuters in Lima, dass vor ca. 10 Jahren in einem von Australiern geführten Ayahuasca-Resort in der Nähe von Iquitos ein Kanadier, während eines „schlechten Trips“, einen Briten abgestochen hatte. Was wenn das keine Anomalie war – sondern das Ergebnis der menschlichen Natur, die vollständig zu ihrem animalischen Kern vordringt? Hätten die Schamanen die kaum vorhandene Polizei gerufen, wenn so etwas passiert wäre? Wie oft ist so ein Fall in der Jahrtausend-alten Tradition bereits vorgekommen? Wie viel davon zählt zu der Wahrheit, die die Maestros ihre Schüler lehren?

Leicht nervös, mit drei Flugtickets, einem leichteren Bankkonto, und vollkommen übermüdet in Gummistiefeln machte ich mich deutlicher früher als geplant auf meinen Heimweg. Ich hatte genug erlebt. Eine der schönsten und eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens reichten mir – und der deutliche Kontrast schaffte Klarheit. Wohin der Weg in den kommenden Zeremonien auch geführt hätte – ich wollte es nichtmehr herausfinden bzw. glaubte ich zu wissen, dass jede weitere Zeremonie die gewonnene Klarheit nur aufweichen und mich in den Sog der ewigen Wissenssuche bannen würde, dem kaum ein Geist wieder zu entkommen vermag. Allzu grotesk erschien mir auf einmal auch das Bild der Maloka mit den Liegematten, wo alle wie Drogenjunkies lagen und die Shamanen mit der Energie der Teilnehmer spielten wie wilde Tiere mit ihrem Futter.

Fast 48 Stunden war ich unterwegs. Nerven wie Drahtseile und eine Engelsgeduld später öffnete ich meine Wohnungstür. Die heiße Dusche und die gewohnte Umgebung erfüllten mich mit einem wonnigen Gefühl von Sicherheit und Dankbarkeit.

Es dauerte noch ein paar Tage, die Erlebnisse zumindest so weit zu verarbeiten, dass ich mich zuhause wieder halbwegs eingewöhnt hatte und meine innere Alarmbereitschaft nachließ. Der Mensch ist ein wildes Tier und Bestandteil einer poetischen und höchst intellektuellen Inszenierung und beides ist wahr – abhängig davon in welche Richtung man blickt.

Die Illuminati sind schwarze Götter.