Mit der Prostitution ist es so eine Sache – es gibt kaum einen moralischen Graubereich, der sich schwerer in seine Grundzüge zerlegen lässt.
In meinem Leben habe ich zweimal die Erfahrung gemacht, mit Geld für Sex zu bezahlen. Obwohl es als verunsicherter Heranwachsender nach längerer Zeit ohne Sex gut war, zu wissen dass man überhaupt noch mit einer Frau Sex haben kann, hätte ich es das erste Mal in Frankfurt wohl selbst besser hinbekommen.
Anders war jedoch meine Erfahrung in Amsterdam. Man kann ja über vieles urteilen, doch man erkennt schnell, wenn jemand sein Handwerk versteht. Nicht ganz so gut war allerdings das Gefühl, das später kam – und auch wenn der heimliche Besuch bei einer Prostituierten vielleicht halbwegs offensichtlich dafür spricht, dass man sich eben nicht in einer glücklichen und auf Dauer angelegten Beziehung befindet, so war es doch ein aktiver Treue-Bruch und ein weiterer dunkler Fleck auf meiner Seele.
Ich persönlich habe eine positive Beziehung zu meiner eigenen Sexualität und bin daher ein Verfechter der sexuellen Selbstbestimmung, welche moralisierende Wertevorstellungen häufig untergraben. Wenn zwei Menschen selbstbestimmt und einvernehmlich miteinander den sexuellen Akt vollziehen wollen, so stellt sich eher die Frage, welche Ansprüche ein Dritter gelten machen möchte, um diesen zu untersagen.
Dass nun möglicherweise eine Seite innerhalb dieses Aktes sexuelle Befriedigung für Geld verspricht ändert daran wenig – ist doch alles im Leben ein Tauschhandel.
Dass Freizügigkeit im praktischen Leben nicht nur auf einvernehmlicher sexueller Selbstbestimmung beruht, stellt dabei jedoch durchaus ein Problem dar. Man kann nur hoffen, dass die Frauen (und Männer) wirklich freiwillig ihrer Tätigkeit nachgehen – sei es nun im Rotlichtviertel oder vor der Kamera. Und doch weiß man auch, wie häufig Menschen systematisch für Profitzwecke manipuliert und in eine Zwangslage gedrängt werden. Dass ich mit meinem eigenen Konsum dieses System jedoch unterstütze und im Kapitalismus die wenigsten wirklich frei entscheiden können, rückt meine Einstellung durchaus in ein moralisches Dilemma.
Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist diese Art der Sexualität deswegen zu verbieten oder an den Pranger zu stellen.
Stattdessen sollten wir als Gesellschaft eben diese Straftaten verfolgen, welche Frauen (und Männer), und noch schlimmer Kinder zu Opfern machen. Dass dies jedoch augenscheinlich nicht zu den Grundpfeilern unserer Gemeinschaft gehört, ist wohl seit Pizzagate, Jeffrey Epstein, und #MeToo in Hollywood bekannt. Und sei es mal drum, ob Verschwörungstheorie oder Tatsache – und ganz abgesehen von der Menge an Menschen, die jedes Jahr auf dieser Welt spurlos verschwinden – ohne vernünftige öffentliche Aufklärung bleibt das Thema zu kurz gefasst.
Wie schwer es für tatsächliche Opfer ist, mit solchen Erfahrungen umzugehen, kann ich nur erahnen – ich weiß selbst noch genau wie schlecht und schuldig ich mich auf dem Weg zurück gefühlt habe, als mein Friseur in Frankfurt an einem heißen Sommertag meinte, mir nicht nur als nette Geste mit dem Fön das Hemd am Rücken trocknen zu müssen, sondern gleich mit seiner Hand in meiner Unterhose gelandet ist. Glücklicherweise blieb es dabei und ich konnte das Ganze mit etwas peinlichem Berührtsein und Humor schnell verarbeiten. Das Einzige was mich rückblickend noch immer schockiert, ist, dass ich danach wirklich noch überlegen musste, ob ich meinen nächsten Termin wahrnehme oder einfach nichtmehr da hingehe.
